Digitale Modelle einzelner Patienten stehen im Mittelpunkt einer gemeinsamen Studie von Microsoft und Boehringer Ingelheim. Die Unternehmen gaben die Zusammenarbeit am 22. Oktober 2026 bekannt: Zunächst geht es um die Lungengesundheit, wobei die wissenschaftliche und technische Machbarkeit geprüft werden soll.

Unter einem digitalen Zwilling verstehen die Partner eine rechnergestützte Darstellung eines Patienten, die klinische und weitere Daten nutzt, um den Krankheitsverlauf und mögliche Ergebnisse in unterschiedlichen Szenarien zu modellieren. Das Forschungsprogramm umfasst die Modellierung von Krankheitsverläufen, die Vorhersage von Ergebnissen und die Simulation klinischer Studien. Diese Beschreibung bezieht sich auf geplante Arbeiten: In ihrer Mitteilung stellten die Unternehmen Forschungsziele vor, kein fertiges System oder Ergebnisse von Tests an Patienten.
Warum eine Kontrollgruppe modellieren?
Eine der zu prüfenden Ideen ist, ob solche Modelle synthetische oder hybride Kontrollgruppen unterstützen können. In einer herkömmlichen Studie hilft eine Kontrollgruppe, das Ergebnis einer Therapie mit einem alternativen Szenario zu vergleichen. Eine synthetische Kontrollgruppe nutzt bereits vorhandene Daten; eine hybride kombiniert solche Daten mit Daten einer herkömmlichen Kontrollgruppe. Liefert der Ansatz verlässliche Ergebnisse, könnte er die Zahl der für die Kontrollgruppe benötigten Teilnehmenden verringern und die Studienplanung unterstützen. Die Partner wollen diese Möglichkeit untersuchen – sie behaupten nicht, sie bereits verwirklicht zu haben.
Für die Entwicklung klinischer Studien ist dabei vor allem die Qualität der Belege wichtig, auf denen das Modell beruht: Wie vergleichbar sind die Daten mit der Zielgruppe? Wie werden Unterschiede zwischen Prognose und beobachteten Ergebnissen bewertet? Und welche Prüfungen sind für die jeweilige Erkrankung erforderlich? Microsoft und Boehringer kündigten an, Modellierung, Prototyping und den Aufbau einer Evidenzgrundlage in mehreren Krankheits- und Therapiebereichen einzusetzen, beginnend mit Lungenerkrankungen.
Zuerst die Machbarkeit, dann die Anwendung
In der Mitteilung zur Partnerschaft betonte die medizinische Direktorin von Boehringer Ingelheim, Lykke Hinsch Gylvin, ausdrücklich, wie wichtig wissenschaftliche Qualität, Patientensicherheit und die Einhaltung regulatorischer Anforderungen seien. Diese Bedingungen bilden den Rahmen für die künftige Bewertung: Ein digitaler Zwilling muss seinen Nutzen für ein konkretes klinisches Szenario nachweisen und entsprechend validiert werden, bevor seine Ergebnisse die Planung einer Studie beeinflussen können.
Die Zusammenarbeit umfasst außerdem die Modernisierung von Rechenzentren und Sicherheitssystemen. Die Unternehmen prüfen mögliche gemeinsame Projekte in den Bereichen Tiergesundheit, Geschäftsprozesse und technologische Infrastruktur; Einzelheiten zu diesen Vorhaben wurden bislang nicht bekannt gegeben.
Der aktuelle Stand ist ein Forschungsprogramm, kein Ersatz für standardmäßige klinische Studien. Für die Branche hängt der Wert des Projekts davon ab, ob die Modellierung mit klinischen Daten hinreichend überprüfbare Einschätzungen liefern kann, um die Studienplanung zu verbessern und zugleich die Anforderungen an Sicherheit und Evidenz zu erfüllen.